Roswitha Schlosser
© Edgar Nemschok
Als es noch Broiler gab
Die gemeinsamen Erinnerungen verbinden bis heute
Auf dieses Treffen freuen sich das runde Dutzend Petershagen-Eggersdorfer und Strausberger Frauen schon lange vorher. Sitzen sie dann endlich gemütlich beisammen, dann wird geschwatzt, diskutiert und vor allem in Erinnerungen gekramt. Denn sie haben alle im selben Betrieb gearbeitet. Im VEAB - das hohe, schlanke Silo-Gebäude mit dem Büroanbau in Strausberg-Vorstadt kennt auch heute so ziemlich jeder, der mit der S-Bahn fährt oder mit dem Auto die Umgehungsstraßen-Brücke über die Gleise überquert. Als die heutigen Seniorinnen noch jung waren, haben sie alle dort gearbeitet. Roswitha Schlosser gehört in diese muntere Damenrunde. Im Doppeldorf war sie bis vor einigen Jahren unter anderem als Standesbeamtin und ist nun seit Kurzem im Ruhestand. Dennoch hält sie die Kontakte mit ihren ehemaligen Kolleginnen aus DDR-Zeiten. „Wir haben im Bürokomplex gearbeitet und zwar alle beim VEAB. Unsere Aufgabe war es, zu planen und vertraglich zu sichern, dass Geflügel und vor allem Eier für den Handel in den Landwirtschaftsbetrieben planmäßig produziert und geliefert wurden“, sagt sie. Und erinnert sich an die „Verkaufs-Eierbude“ auf dem Areal des Betriebes, und zugleich auch daran, dass damals „Broiler“ sehr beliebt waren – die gingen aber größtenteils nach Berlin in den Handel. „Aber Plastiktüten, womöglich sogar mit Beschriftung zu bekommen – was ja in der Verwaltung unter anderem auch unsere Aufgabe war -, das war schon eine anspruchsvolle, wenn manchmal sogar unmögliche Aufgabe.“
Nach der Wende war es dann von einem zum anderen Tag vorbei mit allem. „Wir waren um die 50 Kolleginnen, die plötzlich arbeitslos waren. Weil angeblich niemand mehr Eier oder Geflügelbraten oder Suppenhühner brauchte.“ Allerdings gab es Leute, die die Qualifikationen der Frauen zu schätzen wussten. „Die damalige Bürgermeisterin Katja Wolle hatte von den Entlassungen gehört und einige von uns über die ,ABM für ABM’ in die Verwaltung geholt.“ Man kannte sich ja unter anderem schon von der ehrenamtlichen Zusammenarbeit in Elternaktiven in Kindergarten oder Schule.
Aber nicht nur über die Arbeit wird bei den Treffen geredet. „Wir hatten ein ganz besonderes kollegiales Verhältnis“, sagt Roswitha Schlosser, die die Treffen vorbereitet und die Kontakte hält. „Bei jedem Polterabend waren wir dabei. Wenn eine Kollegin schwanger war, war das für uns alle ein Grund zur Freude und auch Geburtstage wurden gemeinsam gefeiert. Die Betriebsfeste sind allen in guter Erinnerung und auch die gemeinsamen Ausflüge.“ Das sei etwas, was heutzutage nicht mehr so selbstverständlich sei, stellen die Seniorinnen fest, die inzwischen alle Mütter und Großmütter und so auf aktuell auf dem Laufenden sind. Und auch deshalb halten sie an den langjährigen Traditionen fest. „Wir feiern auch 35 Jahre nach der Wende unsere halbrunden und Nuller-Geburtstage zusammen, treffen uns regelmäßig, halten den Kontakt und helfen uns gegenseitig“, sagt Roswitha Schlosser, und die Damenrunde setzt sich wieder an den Tisch im Restaurant, um bei einem Glas Wein und einem guten Essen an all das zu denken und auch darüber lachen zu können, woraus ihre persönliche Geschichte besteht.
(Der Volkseigene Erfassungs- und Aufkaufbetrieb (VEAB) war ein Handelsbetrieb in der DDR. Seine Hauptaufgabe bestand im Ankauf von landwirtschaftlichen Planmengen (Erfassung) an Nahrungsgütern für die Versorgung der Bevölkerung und im Aufkauf von darüber hinaus erzeugten Mengen (freie Spitzen) von den landwirtschaftlichen Betrieben.)
Textquelle: Irina Voigt
Datum: 18.06.2025
Das markante Gebäude in Strausberg Vorstadt
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Lustige Runde
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Redaktionsbüro reisereste.de
Edgar Nemschok
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