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Jede 7. Krankenhausaufnahme vermeidbar
Krankenhaus-Report der AOK Nordost zeigt großes Potenzial für ambulante Versorgung - 55 Prozent der Krankenhausfälle in Brandenburg könnten ambulant versorgt oder vermieden werden
Über die Hälfte aller Krankenhausfälle in Brandenburg könnten laut AOK Nordost ambulant versorgt oder ganz vermieden werden. Das zeigt eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für den aktuellen Krankenhaus-Report. Die AOK Nordost fordert angesichts dieser Zahlen eine konsequente und mutige Umsetzung der Krankenhausreform in Brandenburg.
Mehr als jede dritte Behandlung, die heute noch in einer brandenburgischen Klinik stattfindet, könnte künftig auch ohne stationäre Aufnahme erfolgen, zeigt die Untersuchung des WIdO. Damit weist die Studie in dieselbe Richtung wie eine Analyse im Auftrag der Brandenburger Landesregierung vom Mai 2025. Diese hatte ein Ambulantisierungspotenzial von bis zu 29 Prozent ausgewiesen.
Viele weitere Krankenhausbehandlungen in Brandenburg könnten zudem laut Studie des WIdO durch eine bessere ambulante oder pflegerische Versorgung im Vorfeld ganz vermieden werden.
Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, ordnet die Ergebnisse ein: „Unser Ziel muss sein, dass Patientinnen und Patienten nur dann im Krankenhaus übernachten, wenn es medizinisch wirklich notwendig ist. Für mehr als jede dritte Behandlung wäre nach der Analyse keine stationäre Rund-um-die-Uhr-Betreuung nötig. Das entlastet die Kliniken, hilft angesichts knapper Fachkräfte und ist günstiger für die Beitragszahlenden. Die Landesregierung muss deshalb die Krankenhaus-Reform entschlossen umsetzen, um zu den notwendigen Konzentrationen zu kommen und das Potenzial für mehr ambulante Behandlungen zu realisieren.“
Im Rahmen der Krankenhausreform ist für alle Krankenhäuser in Deutschland vorgesehen, komplexe Operationen an spezialisierten Kliniken zu konzentrieren, um so die Qualität der Behandlung nachhaltig zu stärken. Einige kleine Krankenhausstandorte sollen zudem zu ambulant-stationären Versorgungszentren umgewandelt werden.
Für Brandenburg weist die Modellrechnung für das Datenjahr 2024 rund 540.000 Krankenhausfälle aus. Rund 300.000 Fälle hatten ein ambulantes oder vermeidbares Potenzial – das entspricht 55 Prozent. Davon entfielen rund 221.000 Fälle auf Behandlungen, die ambulant hätten versorgt werden können; weitere rund 77.000 Fälle wären durch bessere ambulante oder pflegerische Versorgung potenziell vermeidbar gewesen. Die Verlagerung von Krankenhausfällen ist laut Studie vor allem in der allgemeinen inneren Medizin und der allgemeinen Chirurgie möglich. Typische Operationen mit einem hohen Ambulantisierungspotenzial sind beispielsweise die Teilentfernung von vergrößerten Mandeln, Operationen nach einem Leistenbruch und die Entfernung der Gallenblase. Eine OECD-Studie zeigte 2021, dass diese Operationen in Deutschland viel seltener ambulant erbracht werden als in anderen Ländern.
„Die nachhaltige Sicherung der medizinischen Versorgung wird nur dann gelingen, wenn die Brandenburger Landesregierung bei der Umsetzung der Krankenhausreform Mut zu klarer Planung, Spezialisierung und zum Ausbau ambulanter Angebote beweist. Wenn ein Krankenhaus die Qualitätskriterien der Krankenhausreform nicht erfüllt, sollten Ausnahmen wenig oder bestenfalls gar nicht zum Einsatz kommen. Krankenhaus, Hausarztpraxis, Facharztpraxis und Pflege dürfen zudem nicht länger nebeneinander geplant werden. Wir müssen Versorgung regional zusammen denken, denn die Fachkräfte werden knapper“, appelliert Daniela Teichert.
14 Prozent der Krankenhausfälle in Brandenburg – also jede siebte Aufnahme – ließe sich vermeiden, wenn die Patientinnen und Patienten vorher kontinuierlicher und koordinierter versorgt werden würden. Ein Beispiel: Wenn Menschen mit Diabetes in ein strukturiertes Behandlungsprogramm eingeschrieben sind, müssen Betroffene deutlich seltener ins Krankenhaus als Menschen mit Diabetes, die nicht an einem solchen Programm teilnehmen.
Und wenn Pflegebedürftige zu Hause oder im Pflegeheim engmaschiger versorgt werden, müssen auch sie seltener wegen akuter Beschwerden, zum Beispiel infolge von Herzinsuffizienz oder Diabetes ins Krankenhaus eingewiesen werden. Jede dritte Krankhauseinweisung hochbetagter Menschen ließe sich laut WIdO vermeiden, indem zum Beispiel Pflegekräfte mehr Kompetenzen bei der Behandlung bekämen. Der Krankenhaus-Report 2026 macht deutlich: Damit die Krankenhäuser in einer älter werdenden Gesellschaft und bei knapper werdenden Fachkräften resilient für die Zukunft aufgestellt sind, muss sich nicht nur das Krankenhaus verändern. Sondern das gesamte Gesundheitssystem.
Textquelle: AOK Nordost. Die Gesundheitskasse
Datum: 12.05.2026
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