Abb. 1: Ein Weißsterniges Blaukehlchen, singend auf Schilfhalm an der Oder bei Gütebieser Loose, Oderbruch; 1. April 2024.
© Dr. Jörg Hoffmann
Das Blaukehlchen
die Nachtigall des Nordens
Das Blaukehlchen (Luscinia svecica), die Nachtigall des Nordens
Das Blaukehlchen erhielt 1758 von Linné den wissenschaftlichen Namen Luscinia svecica. „Luscinia“ wurde aus dem lateinischen entlehnt und bedeutet Nachtigall, abgeleitet von den beiden Deutungen lucs cinia „dem dämmernden Lichte (Tage) entgegensingend“ (WALDE 1910). Dieser Name wurde für eine Gattung kleiner Singvögel aus der Familie der Fliegenschnäpper gewählt, zu denen in unserer Vogelwelt neben der Nachtigall und dem Sprosser auch das Blaukehlchen gehört. Der Name gilt als ein uralter Hinweis auf die Sangeskunst dieser Vögel. Luscinia war ein Beiname der römischen Göttin Minerva, der Überlieferung nach der Erfinderin der Flöte. Heute wird Luscinia manchmal auch als Name für Mädchen verwendet.
Der Artname „svecica“ bedeutet „schwedisch“. Damals vergab Linné diesen Namen vermutlich in Betrachtung auf die reichen Vorkommen in den bergigen Regionen Mittel- und Nordschwedens, wo die Art auch heute noch in großer Zahl brütet.
Ein früherer Trivialname lautete auch Wassernachtigall (JÄCKEL 1853), da das Blaukehlchen im Vergleich zur Nachtigall gewässernahe, feuchte Biotope, oft mit Schilfzonen durchsetzt, besiedelt. In jüngerer Zeit kam für das Blaukehlchen, dessen Verbreitung bis weit in nördliche Teile Europas und Asiens reicht, der Name „Nachtigall des Nordens“ auf (BETZ, 2017, STEFFEN 2026).
Blaukehlchen singen ein sehr variables, klangvolles Lied in der Brutsaison (Abb. 1). Sie sind zudem gute Imitatoren anderer Vogelstimmen (AUEL 2026), von denen sie Teile in ihr Gesanges-Repertoire aufnehmen. Sie können auch weitere Geräusche der Revierumgebung nachahmen, z. B. den Ruf eines Frosches oder gar das ferne Läuten einer Kirchenglocke (BETZ, 2017).
In unserem Landkreis sind Blaukehlchen sehr seltene Brutvögel sowie während der Zugzeiten seltene Rast- und Nahrungsgäste. Brutreviere finden sich vornehmlich im Oderbruch entlang der Oder. Für Brandenburg wurde vor 25 Jahren der Bestand auf 90 bis 130 Reviere geschätzt (RUDOLPH 2001). Bis heute hat sich die Zahl der Brutpaare leicht vergrößert. Blaukehlchen werden auf Grund ihrer verschieden gefärbten Brustgefieder in mehrere Unterarten unterteilt. In unserer Region brütet das Weißsternige Blaukehlchen. Dieses besitzt einen weißen Brustfleck im Dunkelbau des Brustgefieders (Abb. 1, 2).
Das Rotsternige Blaukelchen weist an gleicher Stelle eine rötliche Färbung des Brustfleckes auf. Diese Tiere sind in unserer Region sehr seltene Durchzügler im Frühjahr und Herbst (DITTBERNER & DITTBERNER 1979). Deren Brutheimat liegt in nördlichen Teilen Skandinaviens und in einem weiten Areal Nordrusslands.
Im Rahmen umfangreicher Beringungsarbeiten wurden von (DITTBERNER & DITTBERNER 1979) an Hand der Gefiederfärbung die Anteile beider Unterarten in Brandenburg untersucht und ganz überwiegend Weißsternige Blaukehlchen festgestellt. In seltenen Fällen wurden bei diesen Untersuchungen aber auch rein blaukehlige Blaukehlchen gefunden, die weder weißsternig noch rotsternig in ihrem Brustgefieder waren.
Ein Nachweis dieser seltenen, rein blaukehligen Farbvariante des Blaukehlchens gelang jüngst erneut im Frühjahr 2026 (Abb. 3), ein Männchen bei intensivem Reviergesang in der Uferzone der Oder (Abb. 4). Erste singende Blaukehlchen können in den Revieren bei uns ab Ende März oder Anfang April auftreten. Dabei handelt es sich vermutlich ganz überwiegend um das Weißsternige Blaukehlchen.
Gelege sind ab Ende April bis Mitte Juli möglich. Späte Bruten enden im August (RUDOLPH 2001). Je nach Umweltbedingungen erfolgen eine oder zwei Bruten, je Gelege mit 4 bis 8 Eiern in der Brutsaison. Die Abwanderung aus den Brutgebieten setzt nach erfolgreichen Bruten ab etwa Juli ein, kann aber auch bei Störungen viel eher stattfinden.
Das Blaukehlchen ist Mittel- bis Langstreckenzieher. Überwinterungsgebiete liegen im Mittelmeerraum sowie in Gebieten südlich der Sahara, z. B. im Senegal (BAUER et al. 2005).
Literatur:
AUEL. H. H. 2026: Das Blaukehlchen, ein lieblicher Erdsänger. https://www.heimatjahrbuch-vulkaneifel.de/VT/hjb2001/hjb2001.61.htm aufgerufen: 13.04.2026.
BAUER, H.-G., BEZZEL, E., FIEDLER, W. 2005: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Aula-Verlag, Wiebelsheim: 414-419.
BETZ, K. 2017: Weißsterniges Blaukehlchen. TU Kaiserslautern. https://www.nationalpark-wattenmeer.de/wp-content/uploads/2020/09/vogelpfadostermarsch_blaukehlchen.pdf aufgerufen 13.04.2026.
DITTBERNER, H., DITTBERNER, W. 1979: Das Blaukehlchen (Luscinia svecica) in der Mark Brandenburg. Ornithologische Jber. Museum Heineanum 4: 3-18.
JÄCKEL, J. 1853: Verzeichnis der Trivialnamen der bayerischen Vögel. Ammendorf bei Nürnberg: 397; https://www.zobodat.at/pdf/Naumannia_3_0391-0399.pdf aufgerufen: 13.04.2026.
RUDOLPH, B. 2001: Blaukehlchen. – In: ABBO: Die Vogelwelt von Brandenburg und Berlin. Natur & Text, Rangsdorf: 465-467.
STEFFEN, W. 2026: Blaukehlchen (Luscinia svecica) - Nachtigall des Nordens. https://www.naturbild.de/vogel/blaukehlchen-luscinia-svecica aufgerufen: 13.04.2026.
Zum Autor:
Jörg Hoffmann beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der heimischen Natur. Besonders interessieren ihn die Artengruppen Vögel, Gefäßpflanzen und Tagfalter der Region sowie der Naturschutz. Er promovierte auf den Gebieten der Landwirtschafts- sowie der Naturwissenschaften. Gut 40 Jahre arbeitete er als Wissenschaftler in den Forschungsinstituten in Müncheberg, Braunschweig und Kleinmachnow. Er publizierte ca. 300 Fachbeiträge in Zeitschriften und Büchern. Eine jüngere Langzeitstudie befasste sich mit den Veränderungen der Biodiversität unserer Landschaften (HOFFMANN, J. 2023: Biodiversität im Zeitvergleich. Strukturelemente und Nutzungen räumlich identischer Ackerbaugebiete 1991-1993 und 2018-2021. Auswirkungen auf die Biodiversität. Berichte aus dem Julius Kühn-Institut 224: 940 S. https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00088315 ).
Datum: 14.04.2026
Abb. 2: Ein Weißsterniges Blaukehlchen, singend auf trockenen Halmen eines Staudensaumes an der Oder bei Gütebieser Loose, Oderbruch; 1. April 2024.
Abb. 3: Ein rein blaukehliges Blaukehlchen in Grasflur mit niederliegenden Schilfhalmen in der Uferzone der Oder bei Gieshof, Oderbruch; 8. April 2026.
Abb. 4: Ein rein blaukehliges Blaukehlchen bei intensivem Reviergesang in Uferzone der Oder bei Gieshof, Oderbruch; 8. April 2026.
Dieser Artikel wurde erstellt durch:
Redaktion MOL Nachrichten
Dr. Jörg Hoffmann
