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Investitionskosten von 1,2 bis 1,3 Mrd
Bundesregierung plant nahezu vollständige Elektrifizierung – IGOB fordert Priorität für Ostbahn als strategische Verbindung nach Polen
Die Interessengemeinschaft Ostbahn e.V. (IGOB) begrüßt die heute bekannt gewordenen Pläne der Bundesregierung zur nahezu vollständigen Elektrifizierung des deutschen Schienennetzes und fordert die konsequente Umsetzung der im Koalitionsvertrag verankerten Zusagen zum Ausbau der grenzüberschreitenden Verkehrsinfrastruktur nach Polen. Die Ostbahn RB26 zwischen Berlin und Kostrzyn muss als unverzichtbare Zulaufstrecke zum fünftwichtigsten Handelspartner Deutschlands prioritär elektrifiziert und zweigleisig ausgebaut werden.
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD hat die Bundesregierung klare Prioritäten gesetzt: „Zentrale Teile der Verkehrsinfrastruktur nach Polen und der Tschechischen Republik werden zügig ausgebaut. Dafür stellen wir schnellstmöglich Planungsrecht und Finanzierung sicher.” Zur Elektrifizierung heißt es unmissverständlich: „Elektrifizierung ist Klimaschutz: Wir werden sie beschleunigen und auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis verzichten. Die Digitalisierung und die Elektrifizierung finanzieren wir aus dem KTF.” Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, zentrale Verkehrsinfrastruktur nach Polen zügig auszubauen und die Elektrifizierung zu beschleunigen.
Die Ostbahn erfüllt beide Kriterien perfekt – jetzt müssen Taten folgen.
Aus der am 21.Januar veröffentlichten Antwort der Bundesregierung (Drucksache 21/3595) geht hervor, dass zukünftig nahezu 100 Prozent aller Zugkilometer im Schienenpersonenfern- und Güterverkehr elektrisch zurückgelegt werden können. Die Bundesregierung erstellt derzeit einen Gesetzentwurf, der auf die zeitraubende Nutzen-Kosten-Untersuchung für Elektrifizierungsmaßnahmen verzichtet – ein seit Jahren geforderter Schritt zur Beschleunigung.
Das neue Beschleunigungsverfahren könnte die Elektrifizierung von bisher durchschnittlich 75 km pro Jahr auf bis zu 600 km pro Jahr steigern. Die Schienenbranche ist bereit: Unternehmen bilden verstärkt Oberleitungsmonteure aus, Planungskapazitäten werden aufgebaut. Besonders paradox ist die Situation an der deutsch-polnischen Grenze: Während die Weiterführung der Ostbahn in Polen – die Linie 203 von Kostrzyn über Gorzów Wielkopolski – 2023 als Teil des TEN-V-Kernnetzes anerkannt wurde und entsprechend modernisiert wird, wurde die deutsche Zulaufstrecke nicht in das TEN-V aufgenommen. Polen investiert massiv in die Modernisierung, während auf deutscher Seite eine leistungsfähige, elektrifizierte und zweigleisige Zubringerstrecke fehlt. Es ist verkehrspolitisch nicht nachvollziehbar, dass eine Strecke ihre europäische Bedeutung an der deutschen Grenze verliert. Dies führt zu einem Flaschenhals direkt an der Grenze und konterkariert die polnischen Investitionen. Während Polen seiner Verantwortung gerecht wird, hinkt Deutschland hinterher. Polen rangiert beim Handelsvolumen unter den Top 5 der deutschen Handelspartner weltweit. Der bilaterale Handel erreichte 2024 über 150 Milliarden Euro und wächst kontinuierlich.
Tausende deutsche Unternehmen sind in Polen aktiv, polnische Fachkräfte sind unverzichtbar für die deutsche Wirtschaft, und grenzüberschreitende Lieferketten verbinden beide Volkswirtschaften eng. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung Polens als Transitland für den Handel mit den baltischen Staaten und weiter nach Osten. Die Häfen in Stettin (Szczecin) und Swinemünde (Świnoujście) gewinnen als Seehafenhinterlandanbindung zunehmend an Bedeutung. Deutschland kann seiner Verantwortung als zentrale Drehscheibe im europäischen Verkehrsnetz nur gerecht werden, wenn die Ost-West-Verbindungen ebenso konsequent ausgebaut werden wie die Nord-Süd-Achsen. Die einseitige Fokussierung auf westliche Relationen wird weder der europäischen Integration
noch den wirtschaftlichen Realitäten gerecht.
Der zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung der 89 Kilometer langen Strecke zwischen Berlin und Küstrin-Kietz steht in seiner Bedeutung dem geplanten Streckenneubau zwischen Hannover und Hamburg in nichts nach. Während für die Verbindung nach Hamburg der 109 Kilometer lange zweigleisige Neubau mit Milliarden-Investitionen bereits konkret geplant wird, bleibt die Ostbahn trotz vergleichbarer strategischer Bedeutung zurück. Wenn der Seehafenhinterlandverkehr nach Hamburg einen milliardenschweren Neubau rechtfertigt, muss gleiches für die Verbindung zum fünftwichtigsten Handelspartner gelten. Alles andere wäre eine verkehrspolitische Schieflage, die den Zusagen im Koalitionsvertrag widerspricht. Der Europäische Green Deal verpflichtet zur Klimaneutralität bis 2050 und zur Reduktion der Treibhausgasemissionen um 55 Prozent bis 2030.
Von 57 deutschen Grenzübergängen zu Nachbarländern sind nur 28 elektrifiziert. An den Grenzen zu Polen und Tschechien – also genau dort, wo laut Koalitionsvertrag zentrale Verkehrsinfrastruktur zügig ausgebaut werden soll – besteht erheblicher Nachholbedarf. Nach Polen sind derzeit nur 2 Schienenverbindungen elektrifiziert. Die Elektrifizierung der Ostbahn würde nicht nur die deutschen Klimaziele unterstützen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zum European Green Deal leisten. Die geschätzte jährliche CO₂-Einsparung durch Wegfall der Dieseltraktion und Verlagerung von bis zu 2 Millionen Tonnen Güterverkehr würde mehrere zehntausend Tonnen betragen.
Ein VBB-Gutachten bestätigt die Machbarkeit und den Nutzen des Ausbaus:
• Kapazitätsverdopplung im Personenverkehr
• Halbstundentakt auf der gesamten Strecke
• Fahrzeitreduzierung um 20 Minuten
• Mehr Pünktlichkeit durch Beseitigung von Engpässen
• Bis zu 2 Mio. Tonnen zusätzlicher Güterverkehr pro Jahr auf der Schiene
• Erhebliche CO₂-Einsparung
Die Investitionskosten von 1,2 bis 1,3 Mrd. Euro stehen einem langfristigen volkswirtschaftlichen und ökologischen Mehrwert gegenüber. Die Region fordert angemessenen Lärmschutz, attraktive Regionalverkehrsanbindungen und transparente Bürgerbeteiligung. Das Land Brandenburg hat die Ostbahn als „Entwicklungskorridor” im Rahmen einer Regionalen Entwicklungsstrategie eingestuft. Mit der 2024 eingeweihten neuen Oderbrücke zwischen Küstrin-Kietz und Kostrzyn – ausgezeichnet mit dem Deutschen Brückenbaupreis 2025 – wurde bereits ein wichtiger Meilenstein erreicht. Die mit Carbon-Hängern ausgestattete Brücke ist zweigleisig und für 120 km/h ausgelegt.
Die IGOB fordert die Bundesregierung auf:
• Prioritäre Aufnahme der Elektrifizierung und des zweigleisigen Ausbaus in die ersten Umsetzungsmaßnahmen nach Inkrafttreten des Beschleunigungsgesetzes • Schnellstmögliche Finanzierungszusage aus dem KTF gemäß Koalitionsvertrag
• Koordinierte Planung mit Polen zur durchgehenden Elektrifizierung – in Erfüllung der Zusage zur zügigen Ausgestaltung der Verkehrsinfrastruktur nach Polen
• Beschleunigte Planungsverfahren unter Nutzung aller Beschleunigungsinstrumente
• Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan als Projekt des vordringlichen Bedarfs
Die im Koalitionsvertrag verankerten Zusagen sind klar und verbindlich. Mit dem geplanten Verzicht auf Kosten-Nutzen-Untersuchungen und der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Polens sehen wir alle Argumente auf unserer Seite. Die Bundesregierung muss ihren eigenen Worten nun Taten folgen lassen – für die Region, für Deutschland, für Europa.
Textquelle: Frank Schütz / Interessengemeinschaft Ostbahn e.V.
Datum: 22.01.2026
Dieser Artikel wurde erstellt durch:
Film- und Fernsehproduktion Rätzel
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