Aït Ben Haddou
© Steffen Herre
Marokko – Reise zwischen
Tee, Wüste und Atlantikwind
Ein Reisebericht gegen Wintergrau
Ich komme in Marrakesch an, und sofort nimmt mich das Leben der Stadt gefangen. Geräusche, Gerüche und Farben verschmelzen zu einem Rhythmus, den man erst nach ein paar Stunden richtig begreift. Der erste Abend aber, gehört dem Djemaa el Fna. Ein Platz, der nicht einfach existiert, sondern lebt. Gaukler, Geschichtenerzähler, das Tröten der Schlangenbeschwörer und Stimmen aus allen Richtungen. Ich komme ins Plaudern mit Händlern, Musikern und Passanten. Sie erzählen vom Alltag in der Medina, von Traditionen und vom Wandel der Stadt, und ich fühle mich willkommen wie ein alter Freund.
Geschlafen wird im Riad, hinter dicken Mauern. Innenhof, Mosaike, leises Plätschern. Draußen Chaos, drinnen Ruhe. Marrakesch kann beides.
Noch vor Sonnenaufgang verlasse ich den Riad. Die Gassen schlafen noch, nur vereinzelt huschen Lieferanten und frühe Taxen vorbei. Sancho, der erfahrene Ballonpilot, wartet bereits am Base Camp etwas außerhalb der Stadt. Das erste Licht färbt die Umgebung in sanftes Gold, der Duft von Minztee und frisch gebackenem Brot liegt in der Luft. Zwischen Palmen und den ersten Hügeln beginnt das Ausrollen des Ballons, der Korb wird überprüft, die Brenner angezündet. Dann heben wir ab. Unter uns öffnet sich endlose Weite. Felder, kleine Dörfer, sanfte Hügel ziehen vorbei, und am Horizont erhebt sich das Atlasgebirge in majestätischer Ruhe. Der Flug fühlt sich an wie ein Traum zwischen Himmel und Erde – ein perfekter Auftakt für die Magie Marokkos, die noch viele Abenteuer bereithält.
Am nächsten Tag erkunde ich die alten Karawanenunterkünfte. Einst Rastplätze für Händler aus der Sahara, werden sie heute von Familien aus dem Süden Marokkos als Werkstätten und kleine Handelsplätze genutzt. Ledergerbung, Holzschnitzerei, Webkunst – ich kann mich kaum sattsehen an den feinen Arbeiten und der Geduld, mit der jede Technik ausgeführt wird. Die Handwerkskunst hier ist lebendig, greifbar und voller Stolz. Überhaupt das Handwerk: Es ist überall präsent. Holz, Metall, Leder, Stoffe. In dunklen Werkstätten sitzen Männer an niedrigen Tischen, hämmern, schneiden, nähen, gravieren. Alles geschieht mit Ruhe, Präzision und Erfahrung. Keine Hast, keine Fließbandarbeit. Viele Techniken werden seit Generationen weitergegeben. Man spürt den Stolz auf das eigene Können – leise, selbstverständlich, ohne große Worte.
Weiter geht es an die Küste, nach Essaouira, 3 Stunden Busfahrt. Frische Luft, salzige Brise, und der Hafen ist ein "Kunstwerk" aus alten Booten, blau und abgewittert im Wasser. Fischer sortieren ihre Netze, lachen, winken mir zu, und ich bleibe stehen, um ihre Geschichten zu hören. Überall wird fangfrischer Fisch angeboten, direkt an der Promenade zubereitet – ein Paradies für Seafood-Fans. Am Strand begegnen mir Kamele, die ruhig im Rhythmus der Wellen schreiten. Abends wird musiziert. Nicht für ein Publikum, sondern miteinander, direkt an der alten Stadtmauer. Trommeln, Stimmen, Rhythmen. Genau dieses Miteinander, das das Leben so lebenswert macht.
Die Zugfahrt nach Fès am nächsten Tag wirkt wie ein Übergang, Zeit zum Nachdenken, zum Sortieren. Draußen ziehen Landschaften vorbei, drinnen Gespräche mit Mitreisenden. Immer andere Geschichten, immer herzlich. Am Abend fährt der Zug pünktlich am Gare du Fès ein.
Fès fordert Aufmerksamkeit. Die Altstadt ist eng, laut, intensiv. In den Werkstätten der Gerber, Schmiede und Schreiner zeigt sich das Handwerk von seiner rohen Seite. Die Gerbereien sind kein schöner Ort, aber ein ehrlicher. Arbeit, wie sie seit Jahrhunderten getan wird. Menschen nehmen sich Zeit für Erklärungen, für Fragen. Geschichte wird nicht aus Büchern vermittelt, sondern aus Erfahrung. Die köstliche Tajine auf der Terrasse des Riads, mit Blick über die Altstadt, ist ein Hochgenuss.
Dann geht es weiter Richtung Süden, Richtung Sahara nach Merzouga. Die Landschaft öffnet sich, die Orte werden seltener, die Stille größer – endlose Schotter- und Sandflächen. Unterwegs treffen wir auf Fossilien, Relikte längst vergangener Zeiten, und eine kleine Karawane zieht unbeeindruckt weiter. Gemeinsam mit dem erfahrenen Guide Smal reite ich auf Kamelen durch die Dünen – Schritt für Schritt, begleitet vom Wind und dem rhythmischen Schaukeln der Tiere. Am Abend erreichen wir ein Nomadencamp, schlicht, einladend und voller Ruhe. Die Nomaden heißen uns willkommen und bereiten Tee zu – stark, süß, mit Minze – während das Feuer knistert. Geschichten aus dem Leben der Nomaden, Lachen, Stille und der Übergang von Tag zu Nacht – hier spürt man die Zeit langsamer werden.
Wenn die Sonne endgültig hinter den Dünen verschwindet, wird der Himmel zu einem Sternenmeer, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe und wie es fast nur in Afrika vorkommt. Jeder Stern scheint heller, jeder Atemzug klarer. Die Reise ist nicht nur ein Abenteuer, sie ist ein Eintauchen in eine andere Welt, in der Natur, Menschen und Geschichte auf einmal ganz nah sind.
Nach der Stille und dem Sternenhimmel der Sahara beginnt die Rückreise Richtung Westen. Auf dem Weg liegt Aït Ben Haddou, die berühmte Lehmstadt, deren Mauern wie aus der Wüste selbst gewachsen scheinen. Die Gassen winden sich eng und verschachtelt, die Häuser leuchten in warmem Sandton, und von den Dachterrassen eröffnet sich ein Panorama über das Ksar und die dahinter aufragenden Hügel – ein stilles, majestätisches Schauspiel, das die Weite der Wüste noch nachklingen lässt.
Dort begegnete ich Ali, einem der Bewohner, der mich spontan in sein Zuhause einlud. Auf dem Boden, zwischen Kissen und Teppichen – bei Minztee und frischer Tajine erzählte er vom Leben in Aït Ben Haddou, von den Karawanen, die einst durch die Stadt zogen, und von der lebendigen Handwerkskunst, die hier bis heute gepflegt wird. Überall spürt man Geschichte, Geräusche, Düfte, das Summen des Lebens – und plötzlich ist man kein Tourist, sondern Gast in einer Stadt, die seit Jahrhunderten Menschen fasziniert. Auch mich. Die zwei Nächte in der Kasbah waren wie 1001 Nacht.
Am Ende dieser Reise bleibt vor allem eines – die Wärme und Herzlichkeit der Menschen, die Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft, die Ruhe der Wüste, der Wind von Essaouira, der Trubel von Marrakesch und die endlose Weite des Atlasgebirges. Marokko zeigt nicht alles auf einmal. Es lässt Raum. Und genau darin entsteht das Fernweh – schon bevor man wieder abreist – mit einer Träne im Augenwinkel am Airport nahe der Altstadt.
Datum: 18.01.2026
Essaouira
© Steffen Herre
Wüste Sahara
© Steffen Herre
Minztee bei den Nomaden
Sahara - Blicke
musizieren am Lagerfeuer in der Sahara
Gepäcktransport in Aït Ben Haddou
Ali sein Heimatdorf
frische Datteln
Ouidad, eine stolze Frau
Blick auf Aït Ben Haddou
Musiker in einer Karawanenunterkunft
Marrakesh
Marrakesh
Antiquitätenhändler bei Aït Ben Haddou
in Essaouira
Ballonstart
Ballonfahrt
Essaouira Hafen
Essaouira Markt
Kamele am Strand von Essaouira
Verkäufer
Bahnhof Fès
Blick auf Fès
Färber in Fès
...im nirgendwo
Smal
Fossilien
Anführer des Karawanentrek
Wüste Sahara
Nomadenfrau
Dieser Artikel wurde erstellt durch:
Redaktion MOL Nachrichten
Steffen Herre
Redakteur
